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Ulrich Breite

Ulrich Breite

*1964
Vorstandsmitglied und Vorsitzender des SC Janus

Als Student schloss Ulrich Breite sich dem schwulen Volleyballverein VC Janus (heute SC Janus) an. Unter seiner Führung öffnete sich der Verein auch für lesbische Mitglieder. Als Mitglied der FDP-Ratsfraktion ist Breite Stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses der Stadt Köln.

Kurzbiografie

  • Geboren 1964 in Lüdenscheid-Hellersen
  • 1985-1993 Studium der Betriebswirtschaftslehre und Finanzwissenschaft in Siegen und in Köln
  • seit 1989 Mitglied des VC Janus e. V.
  • 1994-2005 Erster Vorsitzender des SC Janus e. V.
  • seit 2004 Ordentliches Ratsmitglied der Stadt Köln
  • seit 2007 Ehrenmitglied des SC Janus e. V.
  • seit 2020 Zweiter Stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses der Stadt Köln

Ulrich Breite über …

… Homosexualität und Studienleben an der Universität zu Köln

„Wer konnte denn überhaupt offen schwul leben, am Anfang der 80er-Jahre in der Universitätsstadt zu Köln? Es waren Studenten. Die ganze Sportbewegung ging von Studenten aus. Sie waren vom Elternhaus weg, waren also da aus der Kontrolle heraus. Die Nachbarn konnten nichts erzählen oder sonst irgendetwas. Also konnte man sich freier entwickeln. Und darum waren in dem Verein, in dem VC Janus, später SC Janus, in dieser Zeit über 80 Prozent Studenten. Und dadurch ist die Verbindung schon hergestellt. Das heißt, man traf sich auch an der Uni. Aber in meinem Studium spielte das überhaupt keine Rolle. Also ich weiß, früher nannte man das ‚die Klappen‘, die Toilettenanlagen, die sehr groß waren, haben eine Rolle gespielt. Für mich spielte das schon keine Rolle mehr. Aber das war auch bei Studenten noch so, dass man sich dort traf und sexuelle Kontakte hatte. Ich habe das nur durch die Einritzungen, die dort waren, gesehen.
Wie gesagt, das spielte für mich keine Rolle. Dadurch war das für mich also getrennt. Also durch mein Studium BWL und Finanzwissenschaft hatte ich weniger Kontakt mit Schwulen als mit anderen Studenten aus anderen Fachrichtungen, mit denen wir uns in der Mensa getroffen haben. Die kannte man aus der Szene oder aber durch den Sport, den ich dann beim Janus gemacht habe.“

… seinen beruflichen Werdegang und Aufstieg zum Vorsitzenden des SC Janus

„Ich habe beruflich in Bonn gearbeitet. Ich war vorher studentischer Mitarbeiter in der FDP-Bundestagsfraktion, bei einem Abgeordneten aus Brandenburg, Jörg Ganschow. Und da hat mich der Sprecher der FDP Gruppe aus den neuen Bundesländern gesehen, der selber im Wirtschaftsausschuss saß. Er fragte: Ob ich nicht sein hauptamtlicher wissenschaftlicher Mitarbeiter und Büroleiter werde? Und das habe ich dann auch angenommen, was ich natürlich auch sehr schön fand, dass ich nicht Bewerbungen schreiben musste und ich irgendwo wieder auf dem Lande landen würde, sondern ich konnte in Köln bleiben. Ich habe in der Zeit dann den Vorsitz des SC Janus übernommen, und da passte das sehr gut rein. Das konnte ich auch sehr gut dort mit übernehmen. Und ‚mein‘ Abgeordneter hatte damit auch keine Probleme und mit meiner sexuellen Orientierung auch nicht. Auch nicht, dass ich aktiv beim SC Janus war und die Öffentlichkeitsarbeit betrieb.
Wobei er selber ja aus Cottbus kam, also eine ganz andere Welt. Ich bin auch häufiger dort runtergefahren. Ich glaube, da war es nicht so einfach, für einen schwulen Mann zu leben. Aber er hatte damit überhaupt keine Probleme. Und das passte eigentlich auch zu der Bundestagsfraktion. Der Parlamentarische Geschäftsführer wurde ein Jahr später Jörg van Essen, der selber auch schwul war. Der war ja Generalstaatsanwalt gewesen, lebte es aber nicht so öffentlich. Aber ich merkte, dass da keine Probleme waren.
Ich weiß noch, dass man mich fragte, wenn es darum ging ein Positionspapier zu haben, ob ich nicht was aufschreiben könnte, als es um die Angleichung von Ost- und West-Gesetzen, also früherer DDR-Gesetze und Gesetze der Bundesrepublik ging. Und das betraf auch den Paragrafen 175. Der in der Form abgeschafft worden ist. Das heißt, dass der Jugendschutz für Heterosexuelle und Homosexuelle gleich wurde. Das Schutzalter wurde gleich gemacht. Vorher war es ja so, dass nur schwuler Sex oder Homosexualität ausgeführt werden konnten, wenn man über 18 war. Aber bei einem 17- und einem 19-Jährigen hätte es schon Probleme geben können. Und das wurde jetzt angeglichen, genau wie bei heterosexuellen, mit 14 beziehungsweise 16 Jahren.“

… die Folgen des Wachstums des SC Janus

„1992 bin ich in den Vorstand gegangen und 1994 wurde ich Vorsitzender. Jetzt kommen meine Lehrjahre. Wir hatten hier eine Zeit des massiven Wachstums, ich habe dadurch sehr viel gelernt.
Normalerweise hat ein Sportverein drei Sparten. Also drei Sportarten, meistens Fußball und noch etwas dabei, und geht dann von den Bambini hoch, bis in die Seniorenklasse. Beim SC Janus war es zuerst Volleyball, man fing schon vor meiner Zeit damit an, aber bei mir ging es dann richtig damit los ein Mehrspartenverein zu werden. Aber halt nicht von Bambini bis zu Senioren, sondern in einer Altersgeneration, die plötzlich den Sport entdeckte. Das war ja nicht nur eine Kölner, eine deutsche, eine europäische Bewegung, das war eine weltweite Bewegung, die den Sport für sich entdeckt hat. Die haben gesagt: ‚Wir lassen uns das jetzt nicht mehr nehmen. Wir können auch jede Sportart betreiben. Und wir versuchen auch in den Liga-Betrieb reinzugehen.‘ Oder aber Sport zu machen, jetzt nicht nur um Krafttraining und Muskelaufbau zu machen, sondern Sport als Ausgleich und um zusammen Geselligkeit zu leben. All das spielte eine Rolle, dass der Janus zu Wachsen anfing und ich hineingeschmissen worden bin, in dieses Wasser.
Hallen besorgen, mich mit neuen Sportarten auseinandersetzen, mit den Verbänden auseinanderzusetzen, die einen schwulen Verein nicht haben wollten. Das war nicht nur in Köln so. Auch die Vertretung wahrzunehmen, die Vertretung, wenn was passiert. Ist ja nicht so, wenn wir im Liga-Betrieb waren, als ob wir da immer mit freudigen Armen aufgenommen worden sind. Es gab auch Gewalt. Ich habe ja schon gesagt: Ich bin einer, der wenn er sagt: ‚Ich übernehme so etwas‘, auch die Verantwortung dafür sieht und das Verantwortungsgefühl hat, auch dafür geradezustehen. Wenn man Vorsitzender ist, muss man für seine Mitglieder auch geradestehen, insbesondere weil ich nicht von allen erwarten kann, dass sie so ein Coming-out hinzulegen, wie ich es gemacht habe.“

… den gesellschaftlichen Wandel der 90er-Jahre

„In den 90er-Jahren gab es Parallelentwicklungen, die das schwul-lesbische Leben sehr erleichtert haben. Nicht nur in Köln, sondern bundesweit. Ein Schlaglicht ist sicherlich der Film ‚Der bewegte Mann‘, der in den 90er-Jahren herausgekommen ist. Der spielt auch in Köln und hat viel dazu beigetragen, gemeinsam mit den Comics von Ralf König. Die Comics von Ralf König wurden bei den hohen Auflagen nicht nur von Schwulen und Lesben, sondern auch von Jugendlichen gelesen, und sie durften die auch kaufen. Da hat sich etwas entwickelt. Gleichzeitig merkten wir, dass die Rosa Funken sich gegründet haben, also in den Karneval reingegangen sind. Die ‚Rosa Sitzung‘ kam, gegründet von Hella von Sinnen und Dirk Bach, im Gloria vom WDR aufgenommen, Highlights, muss man wirklich sagen. Es entwickelte sich da also parallel etwas. Gleichzeitig war auch der Janus da und hatte plötzlich so eine Entwicklung mit dem Cream-Team, das zu uns gekommen ist. Das waren Fußballer, schwule Fußballer, weil man ja sagte, dass Schwule keinen Fußball spielen können. Seit Hitzlsperger wissen wir es ja besser. Die haben viel dazu beigetragen, insbesondere, als sie dann 1994 in New York Gay Games Sieger geworden sind. Und das hat natürlich eine unheimliche Öffentlichkeitsarbeit auch in Deutschland, nicht nur in Köln gebracht.
Und ich vergesse nie, das war in Köln Lindenthal, in Weiden auf der Bezirkssportanlage, da spielten sie gegen ein heterosexuelles Kneipenteam. Jedenfalls waren die Herren gekommen: Jetzt wollen wir mal zeigen, wie man Fußball spielt. Die hatten ihre ganze Familie mitgebracht und kam so richtig raus auf das Feld. Dazu muss man sagen, da waren wirklich im Cream-Team welche, die selber im Ligabetrieb schon gespielt haben. Und ich weiß es nicht mehr genau, die wurden dann 10:0 oder 11:0 geschlagen. Da gab es auch kein Handshake mehr. Die sind vom Feld geschlichen, weil ja die Kinder und Frauen dabei waren. Und in dem Zusammenhang fing es auch an, dass die den Come-Together-Cup gemacht haben. Ein Fußballturnier von dieser schwulen Mannschaft, das insbesondere aber dann von Andrea Stine organisiert worden ist, wo der Polizeipräsident Schirmherr war. Wo ganz verschiedene Gruppen zusammengespielt haben, die Polizei, die Drogenhilfe, die Feuerwehr, Medien, Stadt-Anzeiger-Redaktionsgruppe und alle anderen, die dann zusammenkommen, sozusagen von Schwulen organisiert. Da war man dann angekommen, das muss man sagen. Das waren alles die 90er-Jahre.“

… Umweltbedenken beim Ausbau von Trainingsmöglichkeiten

„Man kennt die Bedeutung des individuellen Sportes schon sehr gut, weil man einfach sieht, dass viele zum Stressausgleich Sport machen. Ob sie morgens den Manager Joggen sehen oder abends Frauengruppen machen. Ich war ja dafür, weil die Laufszene mir gegenüber das angesprochen hat, eine beleuchtete Laufstrecke zu machen. Dann wurde auch Geld gesammelt, viele Spenden, und das ist dann ja verhindert worden wegen der Langohreule. Wo sich herausgestellt hat, dass sie am liebsten an Laternen nistet, aber das ist eine andere Sache. Aber es ist kaputtgegangen. Da sollte ja rund um den Adenauer-Weiher was passieren, in Köln Lindenthal im Stadtwald. Aber was das für ein Theater war. Da gibt es große Bedenkenträger.
Wir haben eine neue Entwicklung, dass die Naturschützer den Sport als Gegner ansehen, als Gefahr ansehen. Sie müssen sich vorstellen: Ich habe durchgesetzt, dass am Fühlinger See die Beleuchtung in den Winter und Herbstmonaten verlängert wird. Also morgens und abends, weil dort gerade sehr viele ihr Lauftraining machen. Und sie müssen wissen: Es ist auch ein Sicherheitsbedürfnis gerade von Frauen, dass das ausgeleuchtet ist. Tatsächlich musste dort, es ist kein Scherz, es musste ein Gutachten gemacht werden, ob die Verlängerung des Lichts Einfluss auf die Fische im Fühlinger See hat. Und wenn sie dann schon damit konkurrieren müssen. Also jetzt nicht nur bei einer Laufstrecke, weil das hatten die Frauen, die die Laufgruppen dort haben, gefordert.
Wir haben da manche Laternen, das ist schon sehr gut, und dann fehlen wieder zwei, aber man kann das nicht zusammen verbinden.
Da sieht man, dass wir noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten haben. Ich bin gerade dran und schaue mir das an. Es gibt jetzt Licht, das nur nach unten strahlt, nicht so hoch ist, insbesondere auch für Insekten nicht mehr gefährlich ist und Anwendung findet.
Das Gleiche ist die Diskussion um Kunstrasenplätze für Sportvereine. Für Fußballvereine ein Muss, sonst laufen die Kiddies weg, das weiß man einfach. Wir sind ja schon so weit gegangen, dass wir jetzt, wenn wir die Drainage eingebaut haben, elektronische Siebe installieren, damit von den feinen Partikeln überhaupt nichts in die Natur hineinkommt. Das kostet viel Geld, aber das investierten wir jetzt, damit es das auch weiterhin in der Form gibt.
Die Bewegungsparcours sind absolut ‚in‘ und ich hatte mich sehr dafür eingesetzt. Gemeinsam mit der Grün Stiftung in Köln, die ist von den Adenauer-Enkeln gegründet worden. Dabei geht es um den Stadtwald, den Konrad Adenauer ja sozusagen mitgegründet hat, dass der zu erhalten ist, und die setzen auch die Sportparcours ein und die werden sehr gut angenommen. Ich hatte es mir vorher angeguckt, weil ich Angst hatte, dass wir die gleiche Geschichte wie mit den Trimm-Dich-Pfaden erleben. Die waren ja in den 70er-Jahren unglaublich ‚in‘ und die sind dann alle verrottet. Okay, jetzt gibt es anderes Material. Aber es ist auch ganz anders. Was jetzt dort benutzt wird, damit kann man auch ganz anders trainieren. Das klappt ganz hervorragend. Ich freue mich, dass die Skateparks hier wachsen. Da war es mir wichtig, dass dafür auch Geld in die Hand genommen wird.“

… Homosexualität im Profisport

„Also ich glaube nicht, dass wir in Deutschland  wieder in die Neunziger zurückkommen oder noch viel weiter. Homosexualität hat sich etabliert. Wir haben noch viele Aufgaben zu erfüllen. Ich fand es toll, dass bei der Fußball-Europameisterschaft mit den Regenbogenfarben die Diskussion auch stattgefunden hat. Da ist nicht einfach gesagt worden: ‚Ach, das ist ja toll, ja super!‘ Und dann gehen wir weiter. Es wurde aber auch gesagt: ‚Muss das sein?‘ Dadurch kann man ja wieder argumentativ ins Gespräch kommen. Das finde ich auch sehr wichtig. Sie müssen schauen, als ich in meiner Beschreibung war, da haben viele ihr Coming-out mit 20 gemacht, im Studentenalter. Wo sind wir heute? Die wenigsten machen das mit 20, eher so mit 14, 15, 16. Wir haben in Köln sogar das ‚Anyway‘, was sich immer weiter erweitert, entwickelt und vergrößert, für schwul-lesbische Jugendliche oder jetzt sogar Transgender, weil sich da auch was verändert hat. Das heißt, mit der Pubertät sozusagen schon das Coming-out zur sexuellen Orientierung. Für mich heißt das auch, das merkt man auch, dass die dadurch auch viel partnerfester werden, als das vielleicht meine Generation ist. Das hat vieles damit zu tun. Das heißt, sie werden auch selbstbewusster. Auch in der Schule ist das Selbstbewusstsein da. Es gibt sicherlich Stadtteile, wo das noch ein größeres Problem ist. Das hängt auch mit der soziokulturellen Zusammensetzung zusammen.
Aber jetzt sind sie schon so selbstbewusst. Und jetzt sind sie ein Sportler und ein Typ und werden damit konfrontiert, dass sie in ihrem Sport, wo sie sonst überall frei leben können, nicht mehr frei leben können. Da haben wir doch eine Herausforderung, und die Herausforderung sehe ich.
Wir erleben in Fußballstadien, was für tolle Talente wir haben, die aber nicht meine Hautfarbe haben. Die aber vielleicht, wie ich, in Deutschland geboren sind. Also man sagt, weil wir hier in Köln ein Schmelztiegel sind: ‚Das ist kölscher Adel.‘ Die Jungs werden, wenn sie in Köln geboren werden, kölscher Adel. Und dann erleben wir trotzdem die Affenrufe im Stadion oder sonst etwas.
Und viele sagen: ‚Du kannst dich nicht trauen im Fußball, dich während deiner Karriere zu outen.‘ Das sagen welche, das sagt Philipp Lahm. In der kurzen Karriere, wenn du vielleicht danach ausgesorgt hast, jetzt dieses Wagnis einzugehen? Und wenn wir von den jungen Menschen reden, soll ich denen das jetzt sagen, was eigentlich pragmatisch richtig ist? Die aber doch ganz anders in das Leben reingegangen sind. Mit 14 schon ihr Coming-out und ihren Freund/ihre Freundin haben und vielleicht einen Lebenspartner und gehen dann mit 19 in den Profifußball rein. Das zusammenzubringen wird nun eine große Herausforderung sein. Die haben wir noch nicht gelöst.
Ein Tabuthema: Formel-1. Sie gibt es dort, was bekannt ist. Aber bei den Sponsorengeldern wird dann irgendwie eine Frau beiseitegestellt, die Vita geschaffen, und das lohnt sich. Das muss man sehen. Also, ich bin der Meinung, da ist noch einiges zu machen. Wobei ich auch sagen muss: Wir mussten kämpfen und auch die junge Generation muss kämpfen. Wir können die schützende Hand noch drüber halten mit unserer Erfahrung. Aber im Grunde genommen sind wir Kämpfer und das müssen sie dann auch selber machen.“

Die Kölner ‘Offenbarung’

Coming-out des VC Janus

Aufnahmegesuche in die Fachsportverbände


Hier finden Sie in Kürze das vollständige Interview im PDF-Format: