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Autor: Niklas Hack

Chamalidis, Kyriakos

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Kyriakos Chamalidis

*1934
Griechisch-orthodoxer Theologe mit über 50-jähriger Tätigkeit als Seelsorger und Tanzpädagoge

Kyriakos Chamalidis kommt in seinem Leben auf über 1000 Tanz- und mehr als 120 ausgerichtete Fachseminare. Ab den 1960er-Jahren prägte er auf vielfältige Weise das kulturelle Leben der griechischen Gastarbeiter im Kreis Düren.

Kurzbiografie

  • Geboren 1934 in Eleftherochori – Pella Griechenland
  • 1952-1956 Schul-Volleyballmannschaft in Thessaloniki
  • 1956-1960 Studium der Theologie an der Universität Thessaloniki – Abschluss Diplom Theologe
  • 1960-1962 Militärdienst in Griechenland
  • 1960er-Jahre Sozialarbeiter der griechen Arbeitnehmer im Kreis Düren
  • 1964-2020 Gründer und Mitglied der Volkstanzgruppe „EVZONE“
  • 1965 Gründung einer Griechischen Fußball- und Volleyballmannschaft
  • Seit 1967 Dozent bei diversen Volkshochschulen
  • Seit 1973 Vereidigter Dolmetscher beim Landgericht Aachen
  • 1980-1986 Familien-, Lebens- u. Eheberater beim Bistum Aachen

Kyriakos Chamalidis über …

  • … seinen Weg nach Düren

    „Wir sind 1952 nach Thessaloniki umgezogen, damit wir die Universität in der Nähe haben. Meine Mutter ist aus der Türkei gekommen und war Analphabetin. In ihrem Dorf durfte sie weder die Kirche noch die Schule besuchen, es war verboten. So blieb meine Mutter Analphabetin. Mein Vater hatte die Möglichkeit, etwas zu lernen. Er konnte gerade lesen und schreiben, aber mehr nicht. Und meine Mutter hat gesagt: “Ich bin Analphabetin, aber ihr müsst studieren, egal wie.” Deswegen sind wir nach Thessaloniki gezogen. Ich habe dort Theologie studiert, meine Schwester hat Hebammenwesen studiert und auch abgeschlossen. In der Schule habe ich viel Sport gemacht, Fußball oder Volleyball, ich spielte in der Gymnasialmannschaft. Meine Kinder haben später in Düren in der ersten Mannschaft Volleyball gespielt – das war fast eine Tradition.

    Nach meinem Studium in Thessaloniki, 1960, bin ich zum Militär gegangen. Ich habe zwei Jahre als Offizier gedient. Und danach stand die Frage im Raum: Was mache ich? Die Theologen wurden nicht sofort eingestellt. Wir mussten fünf, sechs Jahre warten, bis wir eine Anstellung bekamen. Das war ein Problem. Aber ich hatte gute Beziehungen zur Kirche. Der Erzbischof von Thessaloniki hat mir ein Empfehlungsschreiben gegeben, und mit diesem Schreiben bekam ich ein Stipendium von der katholischen Kirche in Bonn. Am 12. Februar 1962 bin ich nach Bonn gekommen, um weiter studieren zu können. Das war sehr schön. Ich wohnte zunächst in einem Studentenheim und studierte dort gründlich weiter – Deutsch und Theologie. Danach ging ich nach Bethel, bei Bielefeld, an die dortige Fachhochschule für Theologie. Es gibt ja die berühmten sieben B von Bethel: “Bethel bei Bielefeld bietet Barmherzigkeit bei Barzahlung” – aber das stimmt natürlich nicht, das ist eher zum Lachen. Jedenfalls hat es mir dort sehr gut gefallen, und zu der Zeit wollte ich eigentlich promovieren.

    Dann wurde ich von der evangelischen Kirche angesprochen – irgendwo hatte man mich entdeckt – ob ich mir vorstellen könne, als Sozialarbeiter für die griechischen Gastarbeiter tätig zu werden. Da habe ich nicht lange überlegt und gesagt: “Der Mensch interessiert mich viel mehr als die Wissenschaft.” Also habe ich alles hingeschmissen und mich gemeldet. Ich machte eine Fachausbildung als Sozialarbeiter für griechische Gastarbeiter und kam am 1. März 1963 direkt nach Düren. Das war eine sehr gute berufliche Entscheidung. Am 25. März 1964, ein Jahr später, war unser großes Nationalfest, die Befreiung Griechenlands von den Türken 1821. Dafür habe ich eine Tanzgruppe mit Livemusik, mit Trachten, einen Chor und ein kleines Theater organisiert. Wir hatten etwa 500 Leute – Deutsche und Griechen – die daran teilgenommen haben. Der griechische Konsul aus Bonn war da, der Oberbürgermeister, der Bischof – alle Honoratioren. So wurde ich bekannt. Und mit dieser Tanzgruppe habe ich viele, viele Veranstaltungen begleitet und mitgestaltet.“

  • … Sportangebote für Griechen in Düren der 1960er-Jahre

    „Ich als Sozialarbeiter wollte den Griechen Freizeitgestaltung anbieten, damit sie weniger Probleme haben hier in der Fremde. Und dann habe ich gedacht: Eine Tanzgruppe, ein Fußballverein, ein Chor, eine Volleyballmannschaft – so etwas könnte helfen. Wir haben oft gegen deutsche Mannschaften gespielt. Das war sehr schön. Und aus diesen Gründen habe ich gefragt: “Wer kann von euch Akkordeon spielen? Oder eine Lira?” Da waren unter den Gastarbeitern tatsächlich Leute, die ein Instrument beherrschten. Dann habe ich hier gefragt: “Kennt ihr jemanden, der tanzen macht?” – “Ja, jede Menge.” Alle griechischen Männer und Frauen können tanzen. Die meisten können gut tanzen. Und dann habe ich sie zusammengebracht. Wir haben gesprochen, und ich habe ihnen erklärt, was ich vorhabe. Sie waren begeistert.

    Und plötzlich waren wir in Berlin im Fernsehen, plötzlich in München, in Stuttgart – überall Auftritte. Und da haben wir ruckzuck auch die Fußballmannschaft zusammengestellt. Eine Volleyballmannschaft und eine Tanzgruppe. Das lief alles relativ leicht. Wir hatten sogar einen Fußballplatz von den Deutschen zur Verfügung gestellt bekommen. Zwei Tage in der Woche durften wir spielen, jeweils ein, zwei Stunden – mehr hobbymäßig. Aber diese Mannschaft hat zehn Jahre existiert. Ich habe insgesamt zehn Jahre lang die Griechen betreut.
    Danach habe ich gewechselt. Ich war dann Sozialarbeiter in einem Blindenheim in Düren. Da musste ich nicht mehr so viel fahren. Und später habe ich mich selbstständig gemacht – mit Tanzreisen nach Griechenland und Seminaren. Das war für mich sehr interessant, auch finanziell. Meine drei Söhne haben überall auf der ganzen Welt studiert und da brauchten wir natürlich Geld. Meine Frau hat nach dem dritten Sohn gesagt: “Kyriakos, ich höre auf. Ich will mich meiner Familie widmen, damit die Kinder jemanden zu Hause haben.” Obwohl meine Frau das gleiche Studium gemacht hat wie ich. Wir haben uns an der Universität kennengelernt und später geheiratet. Sie war Sozialarbeiterin in Aachen, für die griechischen Gastarbeiter dort. Aber nach dem dritten Sohn hat sie aufgehört.

    Und dann musste ich etwas mehr verdienen, damit wir das Geld für die Ausbildung der Kinder hatten. Mit den Tanzseminaren, den Trauerseminaren und den Tanzreisen habe ich gutes Geld verdient – so konnten unsere Kinder ohne finanzielle Sorgen weiterstudieren“

  • … Griechischen Tanz als Lebenselixier

    „Das Interesse kam zunächst von Gemeinden – katholische Bildungshäuser, evangelische Gemeinden und auch von Privatleuten. Die hatten gehört, dass es hier eine griechische Tanzgruppe gibt, und fragten mich: “Was ist denn der griechische Tanz? Erzählen Sie uns, was machen Sie da?” Dann habe ich ihnen erzählt, dass ich nicht nur Tanz anbiete, sondern auch griechische Religion und Kultur vermittle. Ich habe erklärt, warum die alten Griechen getanzt haben und welchen Lebenswert der Tanz damals wie heute besitzt. Und da waren sie plötzlich wach und sagten: “Das wollen wir ausprobieren.” Dann haben wir ein erstes Angebot gemacht. Am Anfang waren es 15 Leute, beim zweiten Mal schon 25, und dann war es immer voll.
    Es war wirklich ein großartiger Anfang, der gezeigt hat: Der griechische Tanz kann die Deutschen begeistern. Es ist einfach etwas anderes – er ist lebendig, er ist Poesie, er ist Musik. Er weckt das Interesse für das Leben. In meinem Buch habe ich geschrieben: Wir Griechen haben den Tanz als Lebenselixier. Damit bejahen wir das Leben und genießen es. Griechenland war 400 Jahre unter türkischer Herrschaft – von 1453 bis 1821. In diesen 400 Jahren hat der Tanz die Griechen im Kreis zusammengehalten. So wussten sie: Wer sind wir? Und der griechische Tanz hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Griechen ihre Tradition, ihre Religion und ihre Herkunft nicht vergessen haben.

    Nach 400 Jahren haben sie den Befreiungskampf begonnen. Sie sagten: “Freiheit oder Tod.” Und sie meinten es ernst. Nach fünf Jahren wurde der Peloponnes befreit, nach zehn Jahren Attika, nach 30 Jahren Mittelgriechenland. Thessaloniki wurde erst 1912 befreit. Dieser Befreiungskrieg hat 100 Jahre gedauert. Erst 1923 wurde zwischen Griechenland und der Türkei ein Abkommen geschlossen, das die heutigen Grenzen Griechenlands festlegte. Der Tanz war in all dieser Zeit eine große Hilfe für die Griechen – emotional, kulturell und spirituell.
    Der griechische Tanz ist wirklich ein Lebenskatalysator. Er wird im Halbkreis getanzt – kein geschlossener Kreis. Das hat Symbolkraft: Der Kreis ist offen, jeder darf sich anschließen. Ein geschlossener Kreis wäre ein Zeichen für Vollkommenheit, aber wir sind nicht vollkommen. Auch die Handhaltung hat Bedeutung: Die rechte Hand nimmt, die linke gibt weiter. Es sind viele Symbole darin enthalten. Und dann kommt die Musik: Der 7/8-Takt zum Beispiel – lang, kurz, kurz, lang, kurz, kurz. Bei “lang” geht man ein wenig nach unten und dann wieder hinauf. So wie das Leben: auf und ab, wie die Natur. Die Gegensätze sind im Tanz enthalten. Wenn man das den Deutschen erklärt, werden sie plötzlich wach und sagen: “Wie schön. Das ist von der Natur gegeben – dass wir auch Verluste und Trauer erleben, aber ebenso Freude.” Und genau das ist das Geheimnis des griechischen Tanzes.

    Es gibt mindestens 1000 Tänze, ohne zu übertreiben. Für jede Lebenssituation gibt es einen: Tänze zur Trauer, zur Hochzeit, zur Erinnerung an die Heimat, Tänze für Fremde – jede Menge. Und die unterrichte ich auch. Dann entdecken die Deutschen plötzlich: Sport, Poesie, Musik und Heilung. Und diese vier Elemente findet man selten in einer einzigen Sportart.“

  • … das Trikot von Beckenbauer

    „1975 gab es ein Vorentscheidungsspiel zwischen der griechischen und der deutschen Nationalmannschaft. Ich hatte gute Beziehungen zum Konsulat, und dieses wurde vom DFB nach einem Dolmetscher gefragt. Das Konsulat nannte meinen Namen. Dann rief mich der DFB an, schickte einen großen Mercedes, holte mich ab und brachte mich nach Düsseldorf. Ich fuhr zum Flughafen, um die griechische Mannschaft zu empfangen. Als ich im Bus saß, begrüßte ich die Spieler auf Griechisch. Da rief der Mannschaftskapitän vom letzten Platz aus: ‘Bist du ein Pontia?’ Ich sagte: ‘Ja.’ – ‘Dann darfst du bleiben. Wir wollen dich die ganze Zeit bei uns haben.’
    So begann unsere Freundschaft. Wir Griechen sind schnell per Du und ebenso schnell Freunde. Auch wenn das manchmal oberflächlich wirkt, es geht bei uns ganz leicht.

    Einmal habe ich mit meiner Frau an einer deutschen Gesellschaft teilgenommen. Da war ein Professor, ein paar Wirtschaftsleute, wohlhabende Menschen, auch ein katholischer Priester. Wir unterhielten uns über das ‘Du’ und das ‘Sie’. Ich sagte: ‘Wir Griechen lieben das “Du” mehr als das “Sie”.’ Da meinte ein Direktor einer großen Firma: ‘Ja, aber man kann eher du Esel sagen als Sie Esel.’ Und dann stand der katholische Priester auf und sagte: ‘Ich muss Herrn Chamalidis recht geben. Wir Deutsche würden am besten morgens aufstehen, ins Badezimmer gehen, in den Spiegel sehen und sagen: Guten Morgen, Herr Schmitz. Haben Sie gut geschlafen?’ Das vergesse ich nie.
    Mit dem Mannschaftskapitän, einem sehr guten Fußballspieler, entwickelte sich eine echte Freundschaft. Ich fragte ihn eines Tages, ob er mir das Trikot von Franz Beckenbauer besorgen könne. Nach dem Spiel in Düsseldorf kam er zu mir mit einer Kaufhof-Plastiktüte und sagte: ‘Hier hast du die Nummer fünf.’ Dieses Trikot – die Nummer fünf von Beckenbauer – habe ich heute noch.

    Ich durfte Beckenbauer dann sogar interviewen. Ich fragte ihn auf Wunsch meines Bekannten Mimis Papaioannou aus Athen, ob er zu dessen Abschiedsspiel kommen würde. Ich sagte: ‘Herr Papaioannou möchte Sie einladen. Bald wird er aufhören zu spielen, und er würde sich sehr freuen, wenn Sie zu seinem Abschiedsspiel kommen.’ – ‘Ja’, sagte Beckenbauer, ‘ich würde gerne. Ich schätze den Kollegen. Wenn ich kann, werde ich kommen.’ Er kam dann aber nicht. Er sagte: ‘Ich weiß nicht, ob ich die Erlaubnis von meinem Verein bekomme.’
    Nach dem Spiel waren wir mit beiden Mannschaften im Hotel. Es wurde gegessen, gesprochen, erklärt – und ich habe übersetzt. Es war eine besondere Begegnung.“

Ausbildung zum Sozialarbeiter

Tanzseminare zwischen Beruf und Berufung

Griechen und Türken in Deutschland

Griechischer Volkstanz als Steckenpferd

Urlaub mit Kyriakos


Hier finden Sie in Kürze das vollständige Interview im PDF-Format:

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Butzen, Ruth

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Ruth Butzen

*1952
Fußball-Schiedsrichterin mit mehr als 2.700 offiziellen Einsätzen

Schon als Jugendliche entdeckte Ruth Butzen das runde Leder für sich. Nachdem sie sich in diversen Funktionen für ihren Heimatverein FC Adler Werth engagierte, fand sie ihre endgültige Bestimmung als Schiedsrichterin, die sie bis in die 1. Bundesliga der Frauen führte.

Kurzbiografie

  • Geboren 1952 in Mausbach (seit 1972 Stadtteil von Stolberg)
  • 1969-2009 FC Adler Werth 1919 e. V.
  • 1973 Erwerb der Übungsleiterlizenz A in der Sportschule Hennef
  • 1973-1990 Übernahme einer Jugend- und Frauengruppe beim FC Adler Werth
  • 1975 Erwerb der Fachlizenz für Fußball in der Sportschule Hennef
  • 1977 Erwerb der Frauen-F-Schein-Lizenz in der Sportschule Duisburg
  • 1977-1990 Leitung einer Frauen-Betriebssportgruppe der VEGLA-Werke Stolberg
  • 1977-2023 Schiedsrichterin im Fußball-Kreis Aachen
  • 1990-1996 Schiedsrichtern in der 1. Bundesliga der Frauen
  • 1997-2018 Beisitzerin im Kreisschiedsrichterausschuss Aachen
  • 2018-2022 Vorsitzende des Kreisschiedsrichterausschuss Aachen

Ruth Butzen über …

  • … ihre Kindheit in Mausbach

    „Mausbach war ein kleiner Ort. Es wohnten damals nur ein paar Hundert Menschen dort. Aber wir hatten als Kinder viele Möglichkeiten. Es gab bis nach dem Ersten Weltkrieg ein Erzbergwerk in Mausbach – das ist auch heute noch bekannt und steht unter Denkmalschutz. Dort haben wir als Kinder immer gespielt. Wir fanden das einfach interessant. Wir sind sogar durch die alten Stollen gekrochen. Die waren zwar mit Brettern provisorisch zugemacht, aber die haben wir weggetan – und sind dann da durch. Wir hatten viel Freiraum und waren jede freie Minute draußen. Es gab ein sogenanntes Birkenwäldchen, wo wir uns wie Affen von Baum zu Baum geschwungen haben. Dann sagte schon mal eine Mutter: ‚Ihr sorgt dafür, dass ich noch einen Herzinfarkt kriege!‘ Aber das war einfach schön. Es war alles sehr einfach.

    Die Eltern hatten alle Nutzgärten. Das war ganz normal. Und die Häuser hatten, wie man so schön sagt, offene Türen. Wir Kinder sind überall rein und raus, die Erwachsenen saßen abends nach der Arbeit oft zusammen im Garten. Mein Vater hat samstags immer im Garten gearbeitet, und wenn er dann fertig war, saßen plötzlich die Nachbarn da. Natürlich waren das nicht viele Leute – da stand hier mal ein Haus, da mal eins. Erst in den 1960er-Jahren wurde etwas mehr gebaut. Und wenn ich heute bedenke, wo wir früher gespielt haben – das ist jetzt ein Industriegebiet. Da fragt man sich schon: Wo sollen die Kinder heute eigentlich noch hin?

    Sport gab es im schulischen Bereich gar nicht. Unsere Lehrer hatten den Krieg miterlebt, viele waren durch den Krieg geprägt – sehr ernst, und das haben wir Kinder zu spüren bekommen. Ich erzähle das manchmal in der Familie: Im dritten Schuljahr waren wir 51 Kinder in einer Klasse – und da konntest du eine Stecknadel fallen hören. Ich habe auch noch die Zeit erlebt, in der Lehrer schlagen durften. Einer hatte immer einen Bambusstab dabei, das zischte richtig. Wenn etwas außerhalb der Linie passierte, musste man nach vorne kommen – und bekam eine Tracht Prügel. Zum Glück wurde das später abgeschafft. Mit dem Sport bin ich erst später richtig warm geworden, da war ich schon Jugendliche. Ich hörte, dass es im Nachbarort die Möglichkeit gab, ein bisschen Leichtathletik zu machen. Das war für uns etwas ganz Neues. Ich bin mal hingegangen, habe es mir angeschaut, fand es schön – und wurde direkt angesprochen: ‚Wenn du möchtest, kannst du mitmachen.‘ Das war alles noch gar nicht richtig organisiert.

    In unserem Ort selbst gab es zunächst gar nichts an Sport. Aber ich erinnere mich gut: Anfang der 1960er-Jahre wurde dann eine Fußballmannschaft gegründet. Man muss sagen: Die 1950er-Jahre waren die ersten Jahre nach dem Krieg – viel war zerstört, und die Menschen hatten andere Sorgen, als Sport zu treiben. Vor dem Krieg hatte es in Mausbach schon einmal eine Fußballmannschaft gegeben, aber das war durch den Krieg jahrelang nicht mehr möglich. Ich bin in einer Nachbarschaft groß geworden, in der es – außer meiner älteren Schwester – keine anderen Mädchen gab. Also habe ich mit den Jungs gespielt. Wir haben wirklich auf der Kuhwiese gespielt. Was wir damals „Ball“ nannten – wenn ich heute die teuren Fuß-, Hand- oder Basketbälle sehe, denke ich: Davon hätten wir geträumt. Bei meiner Oma – meine Eltern stammten beide aus der Eifel – hatte ich mal einen Ball, das war für mich der erste Kontakt überhaupt. Wir hatten ein großes Haus, einen großen Hof, und ich war jede freie Minute draußen. Ich habe mit dem Ball gespielt – aber von Vereinen war da noch nichts zu sehen. Das kam erst später. In Mausbach gab es nur die Kuhwiese.“

  • … Entwicklungen im Frauenfußball ab den 1970er-Jahren

    „Spielerinnen, die ich richtig wahrgenommen habe, das waren die ersten Verbandsmannschaften wie Bettina Wiegmann, Tina Theune, das waren schon Spielerinnen, vor denen ich Respekt hatte. Als Schiedsrichterin habe ich dann später wirklich die Elite kennengelernt, wie Birgit Prinz beispielsweise und unsere heutige Bundestrainerin. Das waren alles Spielerinnen aus meiner Zeit, als ich in der ersten Frauenbundesliga als Schiedsrichterin aktiv war. Das muss man schon sagen, das war toll. Irgendwann wurde vom Kreis direkt die Landesliga eingerichtet, das dauerte ein, zwei Jahre, dann gab es eine Verbandsliga. Plötzlich war es genau so gestaffelt wie bei den Männern: Von Kreis-, Bezirksliga, Landesliga bis Verbandsliga. Das hat sich im Laufe der Jahre angepasst, da kam man auch nicht mehr drum herum, weil andere Landesverbände uns da weit voraus waren. Wenn ich zum Beispiel Bayern nehme – ich hatte private Verbindungen dorthin – da war man im Frauenfußball schon einen Schritt weiter als bei uns. Der Westdeutsche Fußballverband kam noch später, es dauerte vier Jahre, bis es eine Frauen-Regionalliga gab. Die war dann erst mal die höchste Klasse im Frauenfußball. Das alles hat sich über viele Jahre entwickelt.

    1971 gab es den allerersten Frauenfußballlehrgang in der Sportschule Hennef. Da habe ich sofort unserer Geschäftsführerin gesagt: ‚Rita, anmelden!‘ Sie hat mich dann angemeldet, und ich fand das toll. Wir hatten ja einen Verbandstrainer, den Herrn Benzlaff, der war geschult, und ich fand das richtig klasse. Da spukte schon wieder in meinem Kopf: So etwas würde ich auch gerne machen, als dann die Lehrgänge ausgeschrieben wurden. Unsere Geschäftsführerin war die einzige, die damals die amtlichen Mitteilungen auf Papier bekam. Da stand, wann und wo welcher Lehrgang stattfand, und wenn ich das zeitlich einrichten konnte – mein Chef war da überhaupt kein Problem, ich bekam sogar Urlaub – dann konnte ich die Lehrgänge besuchen. Treu und brav fuhr ich erst mit dem Bus zum Bahnhof, vom Bahnhof nach Hennef, und von dort zu Fuß zur Sportschule. Das war nicht zu vergleichen mit heute.“

  • … erste Eindrücke als Schiedsrichterin

    “Zuallererst habe ich mit Jugendspielen angefangen. Das waren Jungs, denn damals gab es ja fast überhaupt keine Mädchenmannschaften. Nach einigen Monaten habe ich dann auch Frauen geleitet. Und durch Zufall bin ich dann in den Herrenbereich reingerutscht. Einmal, sonntagmorgens um 11:00 Uhr, war ich am Platz, wo die Reserve-Mannschaft aus Mausbach spielte. Es war kein Schiedsrichter da, und sie kannten mich alle. Da sagten sie: „Du bist doch Schiedsrichterin, kannst du das Spiel nicht leiten?“ Ich antwortete: „Ich weiß ja nicht, ob ich das darf.“ Sie riefen den Obmann an, der für die Ansetzung zuständig war. „Ja, wenn sie meint, dass sie das kann, dann soll sie das tun.“ Ich habe das Spiel geleitet und bekam sehr viel positiven Zuspruch von beiden Mannschaften. Das wurde an den damaligen Schiedsrichterausschuss weitergeleitet, und von da an wurde ich auch bei den Herren eingesetzt.

    Viele kannten mich und wussten, dass ich kein Kind von Traurigkeit bin und auch mal den einen oder anderen Spruch draufhabe. Ein älterer Mann in der Sparkasse sagte mir noch: „Waren Sie nicht mal Schiedsrichterin?“ Ich antwortete: „Ja.“ Er sagte: „Vor 40 Jahren haben Sie mich auch mal geleitet. Sie waren immer streng, aber gerecht.“ Das lag mir. Wenn ich heute Schiedsrichterleistungen als Beobachterin sehe, denke ich manchmal: Mein Gott, bei mir wäre das ja längst abgepfiffen worden. Ich war kleinlich, aber damit habe ich mir den Respekt erarbeitet.”

  • … Reaktionen auf weibliche Schiedsrichterinnen

    „Anfangs war man sehr skeptisch, besonders als ich den Sprung vom Kreis- in den Fußballverband gemacht hatte. Da hieß es: ‘Mein Gott, da schicken die uns eine Frau. Sind die noch normal?’ Da kamen viele Worte und Sprüche, die man heute als tief unter die Gürtellinie bezeichnen würde. Damals musste man einfach damit klarkommen. Als Frau konnte man nur durch Leistung überzeugen. Kolleginnen bei den Lehrgängen haben mir das genauso bestätigt: ‘Ja, mir ist das genauso ergangen.’
    Man muss auch bedenken, dass ich beim ersten DFB-Frauenlehrgang mit Abstand die Älteste war. Da bin ich ehrlich gesagt ein Stück weit stolz darauf, Egidius Braun zu verdanken. Mit Trainern hatte ich sehr gute Erfahrungen. Die sagten mir immer wieder, dass sie meine Regelkenntnis schätzten, dass ich regelsicher war und es nichts zu meckern gab – auch wenn mal ein Spiel nicht so gut lief. Aber sie wussten immer, dass ich mein Bestes gebe.
    Mit Linienrichtern fing es in der Bezirksliga an. Dann bekam ich Jungschiedsrichter zugeteilt, das waren aber auch nur Jungs, Mädchen gab es ja nicht. Im ersten Jahr in der Frauen-Bundesliga hatte ich Männer an der Linie. Zwei von denen, die damals bei mir waren, schwärmen heute noch von der Zeit. Es war eine sehr schöne Zeit. Später kamen auch Frauen dazu, aber die Zusammenarbeit mit den Männern war schon gut. Probleme beim Umziehen gab es nicht, weil man sich vorher absprach: ‘Ihr geht den Platz besichtigen, ich ziehe mich in der Zwischenzeit um’ oder ‘Ich schreibe den Spielbericht, ihr könnt schon duschen.’
    In kalten Wintern ließ ich die Männer meist zuerst duschen, weil sie oft durchgefroren waren. Ich erinnere mich an einen Schiedsrichter aus dem Kreis Aachen, bei dem ich in der Verbandsliga an der Linie gehen durfte. Da wurde die Zusammensetzung der Gespanne bekannt gegeben, und als ich als Frau ankam, meinte der Vorsitzende: ‘Jetzt bist du ganz bekloppt geworden. Du glaubst doch nicht, dass wir dich mit den Männern an die Linie schicken.’ Ein anderer Schiedsrichter, Schiri-Schein in der Hand, sagte: ‘Entweder nehme ich die mit an die Linie, oder du kannst dir das an dein Scheißhaus hängen.’ Wortwörtlich. So wurde ich dann mitgenommen.
    Von da an ging alles fließend ineinander über. Es kam eine Frau aus einem anderen Landesverband in unseren Kreis, dann waren wir zwei und wurden schon mal gemeinsam eingesetzt.“

  • … ihre Wahl in den Schiedsrichterausschuss

    „Ohne die Unterstützung und ohne die Zustimmung der Männer hätte ich es auch nicht gemacht. Vor vielen Jahren gab es einen Vorsitzenden, der wollte mich eigentlich gar nicht im Schiedsrichterausschuss haben. So als Handlanger, als Mädchen für alles, ja, aber nicht als gewähltes Mitglied. Dann haben die Männer mir zugesprochen. Die männlichen Schiedsrichterkollegen sagten: „Stell dich zur Wahl. Du wirst gewinnen und wir unterstützen das.“ Das ist auch so gekommen. Ich habe mich dann zur Wahl gestellt, hatte die meisten Stimmen und sehr große Unterstützung von den männlichen Kollegen. Ich kann sogar sagen: Wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich es nicht gemacht. Dann war ich 25 Jahre Beisitzerin. Ich habe das sehr gerne gemacht. Als es dann einen Todesfall im Kreisvorstand gab, musste ganz schnell und kurzfristig umbesetzt werden. Da habe ich gesagt: „Ich mache es für eine Periode, ich gehe auf die 70 zu, und irgendwann muss es auch gut sein.“ Das habe ich dann auch so umgesetzt. Ich muss sagen: Bei den jungen Leuten hat sich einiges verändert. Die machen manches anders, das liegt auch am Generationsunterschied. Für mich ist das absolut in Ordnung. Ich gehe trotzdem zu den Weiterbildungen, ob online oder wenn wir uns treffen – das ist für mich kein Thema. Aber ich bin froh, dass es jetzt ruhiger ist.“

Der Rebell der Familie

“Hat die zu viel Busen?”

“Such dir eine andere Sportart!”

Akzeptanz durch Leistung


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Marewski, Rolf-Arnd

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Rolf-Arnd Marewski

1957-2024
Langjähriger Mitarbeiter des Fan-Projekts Dortmund e. V.

Als Sozialarbeiter prägte die ehemalige Torwarthoffnung des BVB über drei Dekaden das Fan-Projekt Dortmund e. V. In seine Amtszeit fällt unter anderem die Mitgründung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) in Dortmund.

Kurzbiografie

  • Geboren 1957 in Dortmund
  • 1978-1980 Berufsausbildung zum KFZ-Elektriker
  • 1980-1985 Betätigung als Liegewagenbetreuer bei der Deutschen Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft (DSG)
  • 1964-1974 Mitglied im Wambeler Spielverein 1920 e. V.
  • 1969-1975 Torwart beim Ballspielverein Borussia 09 e. V.
  • 1982-1986 Studium der Sozialen Arbeit. Universitätsabschluss: Diplom
  • 1987 Jugendamt Dortmund
  • 1988-2018 Fan-Projekt Dortmund e. V.
  • 1994 Goldener Hammer (der Arbeitsgemeinschaft SOS-Rassismus) für das Fan-Projekt Dortmund e. V. für die Überwindung von Gewalt und Rassismus
  • 2007 Verleihung der Ehrennadel der Stadt Dortmund durch den damaligen Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer
  • 2010 Gründung des Fußballvereins Borussia Commondale Football Club in Südafrika

Rolf-Arnd Marewski über …

  • … Vorortfußball und den BVB

    „Ich bin in Dortmund in einem Vorort aufgewachsen, in Wambel, um genauer zu sein. Dieser Vorort war geprägt von gutbürgerlichen Haushalten, Einfamilienhäusern oder Doppelhaushälften. Es gab viele Kriegsversehrte, die in Wambel gewohnt haben. Mein Vater war auch kriegsversehrt, hatte nur noch einen Unterschenkel – den haben sie ihm im Alter von 17 Jahren abgeschossen. Und trotzdem hat er später noch mit uns Fußball gespielt. Wir wohnten nicht weit vom Fußballplatz entfernt, und so bin ich ab dem Alter von fünf Jahren jeden Tag zum Platz des SV Wambel gegangen. Die ersten zwei Jahre habe ich den Großen nur zugeschaut, aber mit sieben Jahren habe ich dann selbst dort aktiv gespielt.

    Wir hatten in der Nähe unseres Hauses eine große Bolzwiese, die von Brennnesseln gesäumt war – da hat jeder schnell seine Grenzen kennengelernt. Dort haben wir auch Straßenspiele gemacht: Wir gegen die Nachbarstraße. Und mal hat der eine gewonnen, mal der andere. Da war dann nicht immer alles harmonisch, manchmal gab es auch Ärger. Aber hinter dem Haus lag ein riesiges Stoppelfeld, und wir hatten noch die Möglichkeit, Mäuse zu jagen, Kartoffeln zu suchen und zu braten, uns richtig auszutoben. Wir haben auch auf der Straße Fußball gespielt – und Eishockey war damals auch sehr beliebt. Das alles geschah ohne Autos, aber mit viel Improvisation und vor allem mit viel Spaß. Das war eigentlich eine sehr schöne Jugend.

    Mein Vater arbeitete bei den Stadtwerken – gemeinsam mit Willi Burgsmüller, einem verdienten Spieler von Borussia Dortmund. Mein Vater schwärmte am Arbeitsplatz immer vom Wochenende, wie sein Sohn beim SV Wambel als robuster Libero in der Knabenmannschaft einige Tore geköpft und das eine oder andere auch verhindert hatte. Irgendwann sagte Willi dann: ’Bring ihn doch mal zu Borussia.’ So bin ich mit zwölf Jahren bei Borussia Dortmund angefangen. Dieser Verein hatte damals schon einen hohen Stellenwert. Borussia Dortmund war das Synonym für guten und erfolgreichen Fußball – und das war für uns Jungs natürlich ein erstrebenswertes Ziel. Ich glaube, ich war aus unserem Vorort der Einzige, der es dorthin geschafft hat.“

  • … seinen Anfang im Fanprojekt

    „Im Sozialamt, wo ich eigentlich irgendwann meine eigene Berufung sah, war zu dem Zeitpunkt keine Stelle frei. Also stellte man mich direkt nach dem Studium als Springer in Jugendfreizeitstätten ein. Ich war schon immer ein Macher gewesen und habe dann wohl einige der Damen, deren Leitung ich vertreten musste, ziemlich verschreckt. Irgendwann hieß es, ich sei nicht teamfähig. Das sprach sich bis in die Abteilungsleitung herum. Die baten mich nach dem Probehalbjahr zum Gespräch und sagten, dass mit mir keiner so recht arbeiten wolle – deshalb müssten sie mich entlassen.
    Ich war inzwischen verheiratet, meine Frau war schwanger. Das war Ende 1987 – nicht gerade der beste Zeitpunkt. Zum Glück hatte meine Frau einen guten Beruf, sie war Buchhalterin. Wir haben uns dann geeinigt: Bis ich wieder Arbeit finde, arbeitet sie weiter und ich versorge das Kind. Das habe ich dann bis August 1988 mehr recht als schlecht gemacht. Ich habe mir große Mühe gegeben, aber ich hatte erhebliche Probleme, das Schreien meines Kindes zu interpretieren. Ich hatte immer so eine imaginäre Strichliste vor Augen: Hose voll, Hunger, Schmerzen, Pflaster, oder was weiß ich – und habe dann versucht, das Punkt für Punkt abzuarbeiten. Ich habe ihn oft sauber gemacht, obwohl gar nichts zu säubern war. Aber egal, war ja nicht schlimm.
    Einmal habe ich allerdings Warnzeichen übersehen – nach einer Impfung war sein Arm geschwollen, und das Pflaster spannte deutlich. Er weinte, ich war schon auf dem Weg in die Klinik, wieder mal, nachdem ich meine Frau auf ihrer Arbeit angerufen hatte. Dann sagte eine Nachbarin: ‘Guck doch mal, der Junge hat da oben ein Pflaster, das spannt.’ Sie riss es ab – das Pflaster löste sich, und der Kleine fing an zu lachen. Spätestens da habe ich gemerkt: Das mit dem Hausmannsein ist vielleicht doch nicht ganz mein Ding.

    Zum Glück las ich im Juli in der Zeitung: Fanprojekt sucht Sozialarbeiter. Damals wusste in Dortmund – wahrscheinlich in ganz NRW – niemand, was ein Fanprojekt eigentlich war. Ich auch nicht. Aber ich dachte: Gut, probierst du es mal. Ich bin zum Stadtsportbund gegangen. Der damalige Leiter Klaus Henter erklärte mir, was dieser neue Verein Fanprojekt Dortmund e. V. eigentlich vorhatte. Gegründet wurde er am 3.9.1987 – meinem 30. Geburtstag. Das war für mich ein Zeichen. Ich sagte: ‘Wieso sucht ihr einen Sozialarbeiter? Ich bin doch da!’
    Borussia Dortmund hatte mir damals, nach meinem Unfall, einen Brief geschrieben. Sie wünschten mir alles Gute für die Zukunft und attestierten mir, dass ich ein sehr vielversprechender Torwart war. Diesen Brief hatte ich aufbewahrt – und ihn dann dem damaligen Projektleiter auf den Tisch gelegt. Er meinte: ‘Ja, wenn das so ist, wenn du den Verein schon lange kennst, dann scheint das ja ganz in Ordnung zu sein. Dann probieren wir das mal. Du kriegst jetzt auch noch einen Sportlehrer dazu, damit die sportliche Seite nicht zu kurz kommt.’ Aber die kam bei mir ohnehin nicht zu kurz. Ich war in dem Alter inzwischen wieder soweit genesen, dass ich auch selbst wieder Fußball gespielt und den ein oder anderen Ball im Tor gehalten habe.“

  • … die Ursprünge der Fanprojekte

    „1982 wurde das Bremer Fanprojekt gegründet, unter anderem auch mit einem Kollegen aus Dortmund, der von Dortmund nach Bremen ging. Es war auch ein Sozialarbeiter, „Manni“ Rutkowski, der dort jahrelang gearbeitet hat. Und da hat man zum ersten Mal versucht, anders als mit Polizei auf Fußballfans zu reagieren. Man hat versucht, pädagogisch auf sie einzuwirken oder auf Vertrauensbasis etwas mit ihnen zu machen. Und das ist ganz wichtig – dass man mit ihnen etwas machte und nicht gegen sie.

    Heute sage ich: Ich konnte damals mein Arbeitsfeld selbst gestalten und auch die Maßnahmen meinem Vorstand gegenüber vertreten, die ich für richtig hielt, wenn ich sie denn begründen konnte. Ich hatte von meinem Vorstand jegliche Unterstützung nach außen. Ich hatte auch den direkten Draht zu Borussia Dortmund – zu Walter Maahs, der ebenfalls Mitglied im Fanprojekt Dortmund e. V. war, und zu Heinz Keppmann, kurioserweise mein damaliger Trainer, der mich wegen meiner Haare so oft geärgert hatte. Auch er war Mitglied im Fanprojekt e. V., und sie sahen es anfangs ganz gern, dass ich diesen Job übernahm. Ich hatte dann gemeinsam mit dem Sportlehrer, meinem damaligen Kollegen Joachim Falke, auch das Glück, noch eine Verwaltungskraft dazuzubekommen. Und wir durften auf ABM-Basis arbeiten – das heißt, das Arbeitsamt zahlte unsere Personalkosten – und wir hatten einen Etat von 50.000 Mark im Jahr. Damit konnten wir unsere Arbeit gestalten.

    Damals haben wir uns überlegt, dass wir zu Auswärtsfahrten mitfahren. Klar war, dass wir bei Spielen immer präsent sind, dass wir unter der Woche für die Fans Ansprechpartner sind, dass wir bei auftretenden Problemen für sie da sind. Und dass die Fans ihre politischen Einstellungen hinterfragen sollten – wenn sie denn rechtsgerichtet waren. So konnten wir eigentlich frei von Bürokratie arbeiten.
    Bremen und Hamburg spielten dabei als Vorbilder eine große Rolle. Denn der Stadtsportbund Dortmund war der erste Träger des Fanprojekts Dortmund. Er hatte damals einen Mitarbeiter zu einer Fantagung geschickt, nach Hamburg oder Bremen, um sich zu informieren. Der Stadtsportbund Dortmund war also der Gründungsvater des Vereins Fanprojekt Dortmund e. V. Wir waren damals als Angestellte des Stadtsportbundes auf ABM-Basis eingestellt – mein Kollege Joachim Falk als Sportlehrer, ich als Sozialarbeiter. Und wir hatten das Glück, Hertha Gerholt dazuzubekommen – eine resolute, ältere Dame, die für die Buchhaltung zuständig war, die damals noch gar nicht so umfangreich war.

    Und Hertha hatte ihre eigene Art, mit der Szene umzugehen. Sie hat vor jedem Spiel die Hooligans aus dem Büro geschickt mit den Worten: ‚Aber fair bleiben heute!‘ Denn wir hatten ein Büro direkt am Stadion – und das war der Treffpunkt der Hooligans vor dem Spiel. Das war schon mal ganz gut.“

  • … überregionale Arbeit und Anerkennung

    „Der DFB hat recht schnell gemerkt, dass sich Sozialarbeit in den verschiedensten Bundesländern mit Fußballfans ausbreitete und dass sich einige Fanprojekte in verschiedenen Städten bildeten. Wir haben dann irgendwann gesagt: Die Fans treffen gerade bei internationalen Begegnungen aus verschiedenen Städten aufeinander. Also ist es wichtig, dass Mitarbeiter aus den jeweiligen Städten ebenfalls vor Ort sind, um ihren Einfluss gegenüber den Fans geltend zu machen. Und das hat der DFB dann auch unterstützt.
    Es wurden Konzepte geschrieben, und der DFB hat das ziemlich schnell als sinnvoll erkannt. 1990 fand dann die erste Fanbetreuungsmaßnahme des DFB in Italien statt. Wir waren mit sieben oder acht Kollegen dabei. Zwar zeitlich begrenzt, weil zwischendurch das Geld fehlte und wir nach Hause mussten – aber wir waren da, wann immer wir gebraucht wurden. Das war die erste internationale Vermittlungsmaßnahme.
    Los ging alles damit, dass ich in Dortmund immer eine ziemlich große Klappe hatte. Und das sprach sich dann bis nach Düsseldorf herum. Ich kannte auch schon einige Politiker aus Dortmund, die später auch in Düsseldorf tätig waren – zum Beispiel Dr. Gerd Bollermann. Er war auch an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, Polizeiabteilung, tätig, und ich habe dort gelegentlich Polizeibeamten das Thema Fanarbeit nähergebracht. Er hat das Thema dann auch nach Düsseldorf weitergetragen.
    Ein Wendepunkt war 1993: Der Besuch von Franz Müntefering im Fanprojekt Dortmund. Damals war er Arbeits- und Sozialminister in NRW. Er wollte unbedingt wissen, was die Borussenfront ist. Ich sagte: ‘Gut, kommen Sie mal vorbei.’
    Unser Verein, das Fanprojekt Dortmund e. V., wurde 1988 gegründet. Ich habe die ersten zwei Jahre auf ABM gearbeitet, bis daraus 1990 eine feste Stelle wurde. In der Zeit habe ich im Dortmunder Bereich viel bewegt, versucht, viele für das Thema zu sensibilisieren. Wir hatten Politiker wie Dr. Gerd Bollermann im Fanprojekt, andere Spitzenpolitiker, Leute von Borussia Dortmund – und was sie hier erlebten, haben sie wiederum in ihren Netzwerken in andere Städte getragen.

    So kam es 1989 unter großem medialen Interesse zur Gründung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte. Als ich anfing, gab es sechs Fanprojekte – 1989 waren es schon neun oder zehn. Und dann ging es langsam weiter. Auch der DFB erkannte, dass Fanprojekte ernstzunehmende Partner sind – und hat sie entsprechend gefördert. Ein wirklicher Meilenstein war 1993, als die Innenministerkonferenz unter Herbert Schnoor das Nationale Konzept Sport und Sicherheit verabschiedete. Es sah in jeder Bundesliga-Stadt ein Fanprojekt vor. Heute gibt es sie bis in die dritte Liga, und sie arbeiten alle jugendpolitisch und sozialpädagogisch mit Fußballfans. Das ist eine schöne Entwicklung – weg von der reinen Repression hin zur Pädagogik.
    Ich denke schon, dass das Ruhrgebiet da ein Katalysator war, speziell Dortmund. Wir hatten im Ruhrgebiet viele sozialpädagogische Einrichtungen, zum Beispiel in Bochum die Streetwork-Abteilung der Stadt – damals einzigartig. Die sind mit ihrem Bauwagen an Orte gefahren, wo sich Jugendgruppen trafen, und haben sich auch um Fußballfans gekümmert. Daraus entstand später das Fanprojekt Bochum, unterstützt von der AWO, aber stets auch Teil der Stadtverwaltung. Bei uns in Dortmund war es ja ein eingetragener Verein – mit politischen Verbindungen in alle Richtungen.“

  • … den Wandel von Hools zu Ultras

    „Das war so um die Jahrtausendwende. Da haben sich die Ultragruppierungen gegründet. Unter anderem hat auch einer aus der Chefetage von Borussia Dortmund, der ‚Janni‘ Gruszecki, damals die Desperados im Fanprojekt gegründet – das weiß ich noch. Plötzlich entstanden neue Fanclubs, die sich Ultras nannten und sich auch ganz anders verstanden als die alten Fanclubs. Sie wollten etwas bewirken im Verein, dem Fußball wieder einen Sinn geben. Diese Gründungen wurden von den Hools anfangs sehr kritisch beäugt. Aber irgendwann sagten die: ‚Wir ziehen uns zurück, machen unsere eigene Hooligan-Gruppe weiter und lassen die Ultras Ultras sein. Nicht ernst zu nehmen, die verschwinden wieder.‘

    Tja, das ist jetzt zwölf, fünfzehn Jahre her – und sie sind nicht verschwunden. Und sie werden auch nicht verschwinden, denke ich. Der Prozess war nicht schleichend, sondern stetig. Die Ultras haben Leute an sich gebunden, gleichzeitig aber auch klare Auswahlkriterien geschaffen, was jemanden überhaupt dazu qualifiziert, ein Ultra zu sein. Ultra war plötzlich fast so etwas wie eine Berufsbezeichnung. Und was sie an Zeit investiert haben, ist wirklich bewundernswert.
    Diese konsequente Anprangerung der Kommerzialisierung ist ein besonderes Merkmal der Ultras. Sie haben mit der Zeit die Hools verdrängt. Sie wollten dem Spiel mehr Sinn geben – suchten sich ihre Themen und verteidigten sie vehement. Ein zentrales Thema war und ist bis heute die Kommerzialisierung des Fußballs. Es gab bei den Ultras sogar eigene Arbeitsgruppen. Sie lehnen es bis heute ab, das Stadion ‚Signal Iduna Park‘ zu nennen. Selbst die ganz jungen unter ihnen sprechen weiter vom ‚Westfalenstadion‘. Inzwischen sind die Ultras die vorherrschende Kraft in der Fanszene – sehr kreativ, aber in manchen nahestehenden Gruppierungen auch radikaler geworden als früher, teilweise mit Nähe zu rechtsradikalen Ideologien.

    Es gibt regelrechte Käfigkämpfe, die ich persönlich zwar nie gesehen habe, von denen ich aber weiß. Dort treffen sich Überbleibsel aus der Hooligan-Szene, die versuchen, unter dem Dach der Ultras eine politische Ebene aufzubauen.
    Der Erfolg von Borussia Dortmund hat natürlich dazu geführt, dass das Stadion praktisch immer ausverkauft ist. Der Signal Iduna Park – oder eben das Westfalenstadion – ist kaum noch zugänglich, wenn man nicht frühzeitig Tickets hat. Auch meine Arbeit hat sich dadurch verändert. Die Ultras agieren viel feinfühliger und intelligenter als die Hooligans damals. Ich selbst war immer ein Freund der klaren Ansprache. Die Ultras sind nicht nur klüger, sie vertreten ihre Meinung auch viel konsequenter – etwa, wenn es um die traditionellen Werte oder den Ausverkauf des Fußballs geht.

    Ein gutes Beispiel war das kürzliche Scheitern der DFL, Investoren in die Liga zu holen. Das ist, wie ich finde, ein schöner Erfolg. Und auch für mich war es schön zu lesen, dass die kleinen Vereine das gestoppt haben. Ich bin überzeugt davon, dass die Ultras in den verschiedenen Städten entscheidend dazu beigetragen haben, dass diese Entscheidung so gefallen ist.“

Vom Überleben ins Arbeitsleben

Alltag und Akzeptanz der frühen Sozialarbeit

‘Ihr seid doch die Sozis!’

Müntefering an der Borussenfront


Hier finden Sie in Kürze das vollständige Interview im PDF-Format:

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Akici, Atilla

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Atilla Akici

*1961
Torjäger des Türkischen Sport Vereins Düren 1969 e. V.

Atilla Akici schoss den Türkischen Sport Verein Düren in den ausgehenden 1970er- bis in die 1980er-Jahre zu diversen Titeln. Der älteste ethnische Fußballverein in NRW bereichert die lokale Sportlandschaft noch heute.

Kurzbiografie

  • 1961 geboren in Konya (Türkei)
  • 1976-1980 Besuch des Berufskollegs für Technik in Düren
  • 1976-1991 (mit 1,5 Jahren Unterbrechung) Türkischer Sport Verein Düren 1969 e. V.
  • 1977-1980er Boxring Düren 1955 e. V.
  • TuS 1908 Langerwehe e. V.
  • Mehrfacher Atatürk-Pokal NRW-Gebietssieger
  • Seit 1983 Betätigung als Taxifahrer

Atilla Akici über …

  • (Fußball-) Erfahrungen in Düren und Langerwehe

    „Mein Vater war schon viele Jahre in Deutschland, ich bin der älteste Sohn in der Familie. Ich war damals 16, die anderen waren noch klein. Papa hatte hier eine Freundin, war hier glücklich – wie jeder andere auch. Irgendwann hat er sich entschieden, uns zu holen. Am 16. August 1976 sind wir losgefahren, mit dem Auto nach Deutschland, direkt nach Düren. Seitdem bin ich Dürener.

    Vater ist gefahren, er war der Einzige mit Führerschein. Wir sind in einem 190er Mercedes unterwegs gewesen, anderthalb Tage später waren wir in Düren. Mit 16 habe ich den Türkischen SV kennengelernt. Die Eltern hatten Kontakte zu dem Verein, und ihnen wurde gesagt, sie sollen ihre Jungen bringen und nicht weggeben. Da spielt Nationalität und Blut wieder eine Rolle, und man hört eben auf die Älteren.

    Ich bin reingekommen und die haben mir einen gefälschten Pass gemacht. In meinem Sportpass stand ich drei Jahre älter. Ich war 16, aber die haben mein Alter auf 19 gesetzt und einen illegalen Pass gemacht. Mit 16 habe ich dann eindrucksvoll gespielt.

    Wir spielten von der Kreisklasse C bis zur Bezirksliga und wurden auch ein paar Mal Meister. 1980 bin ich zum TuS Langerwehe gegangen. Die hatten eine Mannschaft in der Bezirksliga und eine erste Mannschaft in der Oberliga. Dort habe ich keine zwei Jahre gespielt, denn der Trainer – ich weiß nicht, ob ich das sagen darf, aber – der war halt ein Nazi, mochte die Ausländer nicht. Ich war der Torjäger, und er hat wörtlich meinem Kollegen gesagt: ‚Gib ihm keinen Ball mehr ab.‘ Das haben alle gehört. Da war ich richtig beleidigt. Ich war ja sehr gut, der Torschütze. Ich habe gesagt: ‚Die Tore, die ich mache, die nehme ich nicht mit nach Hause. Ich mache sie für den Verein.‘

    Ich war so verletzt, habe meine Sachen gepackt und wollte weg. Aber dann kamen die Sponsoren in Porsche und Mercedes angefahren und haben gesagt: ‚Setz dich mal hin, was ist hier los?‘ Ich habe gesagt: ‚Der hat so geredet, bei dem Verein ist für mich Schluss.‘“

  • … seine erste Rote Karte

    „Wir hatten einen Spieler, der Murteza hieß. Der Trainer hat aus ihm einen Libero gemacht. Wenn er Fehler gemacht hat, hat er ihn getreten und geschlagen, aber am Ende hat er aus ihm einen richtigen Bombenmann gemacht. Murteza hätte locker Bundesliga spielen können. Dann war da noch der Elias, der hätte locker in der zweiten Liga gespielt. Er hatte in der Türkei in der ersten Liga gespielt. Die Füße liefen super, aber er hatte ein richtiges scheiß Mundwerk. Das ging gar nicht.

    Ich habe durch ihn in meiner Karriere meine erste Rote Karte bekommen. Er bekam selbst eine Rote Karte, und als Spielführer bin ich zum Schiri gegangen und habe gefragt: ‚Ist es normal, wegen Motzerei eine Rote Karte zu geben?‘ Da hat der Schiri mir auch eine Rote Karte gezeigt, ich bin richtig rot gesehen – und dann habe ich ihm eine geklatscht. Das war meine erste Rote Karte. Zwei Jahre Sperre gab es dafür.

    Die haben gesagt, ich hätte den Schiri geschlagen. Ich bin hingegangen und habe nochmal gefragt: ‚Ist es normal, wegen Meckerei eine Rote Karte zu kriegen?‘ Da hat er sich umgedreht und mir die Rote Karte so richtig ins Gesicht geknallt.

    Die Jungs in der Kabine, das war im Hürtgenwald, wir kannten uns alle, auch wenn wir Gegner waren, wir waren gleichzeitig Freunde. Wir leben hier in der Gegend. Die Jungs haben gesagt: ‚Passt auf, spielt locker, ich hab was mit den Türken zu klären.‘ Wir haben herausgefunden, dass seine Frau mit einem Türken durchgebrannt war. Deswegen hatte er Wut auf uns. Der Schiri hat Rote Karten verteilt wie Butterbrote.

    Alle waren wütend, aber was sollten wir machen?

    Das war nach meiner Zeit in Langerwehe, so 1986, 1987. Ich habe ja wieder bei den Türken gespielt, weil sie bei meinem Vater so viel Druck gemacht haben, ich solle zurückkommen. Im Café wurde ich gefragt: ‚Warum kommst du nicht? Bist du Landesverräter?‘ Die haben alles versucht, damit ich zurückkomme. Und so bin ich zurückgegangen und habe dort gespielt, bis ich mit 30 Jahren Fußballrentner war.“

  • … die Fußballlandschaft in Düren

    „Die Spieler beim SV waren nicht alle reinrassig türkisch, so war das ja auch nicht gedacht. Die haben den Verein gegründet – ich habe das gelesen und mir ein paar Notizen gemacht. Gegründet wurde er mit elf Mann, und alle elf waren gleichzeitig Spieler, Ersatzspieler gab es nicht. Sie wollten einfach nur Sport treiben. Das waren sportliche Typen, die als erste Generation nach Deutschland gekommen sind. 1967 wurde der Verein gegründet, aber erst 1969 legal angemeldet. Sie haben ganz normal in der Liga gespielt.

    Damals hörte man, Sport würde Menschen helfen, von schlechten Seiten wegzukommen. Das hört man ja heute noch. Egal welcher Sport, Kinder sollen beschäftigt werden, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommen – so werden sie oft erzogen.

    Zwei Jahre später habe ich die A-Jugend übernommen, das war eine Bombenmannschaft. Danach kamen die C- und D-Jugend dran. Ich war da ganz gut organisiert, zumindest für eine Zeit lang. Als ich mich zurückgezogen habe, kamen Leute, die in ihrem Leben nie bekannt geworden sind und jetzt Ruhm ernten wollten – das war meistens Kacke. Aber das ist normal, wenn man keine Ahnung hat.

    Jetzt haben wir nur noch zwei Mannschaften. Eine spielt in der Bezirksliga, ob sie aufsteigt oder nicht, mal sehen.

    Ein Vereinsheim oder eine richtige Umkleide gab es bei den Gründern nicht. Die sind einfach um die Ecke gegangen, um sich umzuziehen. Duschen gab es auch keine, nach dem Spiel sind alle einfach so nach Hause gegangen.

    Wir waren erst in Birkesdorf auf einem Ascheplatz, das war ein Grundstück, halb Grün, halb Braun und uneben. Aber ich danke den Leuten, die uns den Platz gegeben haben. Dort hatten wir dann endlich Umkleiden und Duschen nach dem Spiel – da waren wir schon dankbar. Später sind wir zur Malteserstraße nach Düren umgezogen. Das war dann ein gepflegter Ascheplatz, den wir gut gepflegt haben. Der Platz gehört uns zwar nicht, aber wir nutzen ihn schon sehr lange.

    Andere Vereine wie der griechische Verein oder Bella Italia haben sich schnell wieder aufgelöst, meistens wegen fehlendem Nachwuchs. Der einzige Verein, der sich wirklich hält, ist der Türkische SV.

    Was die Unterstützung durch die Stadt angeht, sind wir schon dankbar, dass wir einen Platz und Umkleiden zur Verfügung gestellt bekommen haben, die wir jederzeit nutzen konnten. Finanziell hat uns die Stadt aber nicht unterstützt.

    Der FC Düren dagegen geht den Bach runter und muss jetzt zwangsabsteigen, weil sie kein Geld für ein neues Stadion haben.“

  • … Auswärtsfahrten … und die Kasse klingelt

    „Für uns war vor allem wichtig, dass die Leute sportlich waren. Gute Spieler hatten bei uns immer offene Türen, das war bei den Türken eine Selbstverständlichkeit und wurde auch so kommuniziert. Überall stand: ‚Kommt rein, die Türen sind für jeden offen.‘ Wer in der Liga mithalten konnte, durfte zum Probetraining kommen und war sofort dabei. Wir haben sogar aus eigener Tasche Leute bezahlt, die von woanders kamen, ihnen Taschengeld gegeben, manchmal monatlich 100 bis 200 Euro.

    Wie das genau finanziert wurde, habe ich nie so richtig durchblickt. Nach jedem Sieg oder wenn wir einen Pokal gewonnen hatten, haben wir in allen Kneipen gespendet. Die Spieler haben ihre Monatsbeiträge bezahlt, damit Trikots gewaschen werden konnten. Manchmal hat jeder abwechselnd die Trikots eine Woche mit nach Hause genommen und gewaschen – solche Sachen eben.

    Wenn der Verein von Anfang an richtig diszipliniert und transparent geführt worden wäre, dann wäre er heute in der Oberliga. Die Probleme lagen hauptsächlich an der finanziellen Seite. Wir Spieler haben jahrelang jeden Monat 50 Mark bezahlt.

    Zu Auswärtsspielen sind wir immer mit Privatautos gefahren. Unser Publikum war verrückt nach Fußball – egal ob Heim- oder Auswärtsspiel, es kamen immer 500 bis 600 Leute. Die deutschen Vereine, die gegen uns spielten, haben sich immer gedacht: ‚Jetzt kommen die Türken, das bringt Geld rein.‘ Sie haben durch uns viel verdient, denn unser Publikum hat uns nie im Stich gelassen. Ob Winter oder Sommer, das Stadion oder der Sportplatz war immer voll, zu 90, 95 Prozent nur Türken. Die deutschen Vereine wussten, dass sie so Einnahmen machen konnten – so war das damals.

    Wir haben alles aus eigener Kraft gestemmt. Der Verband hat uns nicht unterstützt – kein Geld, keine Kleidung, nicht mal Essen. Ich habe 18 Jahre gespielt und habe einmal Fußballschuhe von der Mannschaft bekommen, als ich arbeitslos war. Das waren die Beckenbauer mit Nocken, die damals 110 Mark kosteten – das war damals viel Geld.“

  • … sein Selbstverständnis als Sportfan und Deutschtürke

    „Ich bin Sportfan, und wenn ich die Möglichkeit habe, ein Spiel zu sehen – egal von welcher Mannschaft –, dann mache ich das. Es muss nicht Bayern München sein, für mich zählt das Spiel selbst. Wenn ich Zeit habe, sage ich meinen Kollegen: ‚Komm, wir schauen uns das an.‘ Ich bin kein Fanatiker, gehe auch zu Dorfmannschaften, wenn’s passt.

    Es macht mir Spaß, junge Talente zu sehen, wie sie den Ball führen und abgeben. Wir sind ja älter geworden, und was wir jetzt genießen, ist das Zuschauen, nicht das selber Spielen.

    Als ich nach Deutschland kam, hatten wir noch Satellitenschüsseln, damit blieb die Muttersprache frisch. So wusste man, was in der Heimat passiert. Heutige Kinder kennen oft kaum noch die Türkei, sie sind eher Deutsche. Ich finde, man muss die Muttersprache behalten, egal welche Sprache.

    Mein Sohn wohnt in Köln, spricht mit mir höchstens zwei Wörter Türkisch, dann wechselt er ins Deutsche. Meine Enkel sprechen kaum Türkisch. Das müsste man eigentlich beibringen.

    Deutscher Staatsbürger bin ich nie geworden. Meine geschiedene Frau ist deutsch, meine Kinder haben deutsche Papiere. Das hat mich nie gestört. Ich gehe arbeiten, bin nie illegal gewesen. Viele sagen, in Deutschland gibt es Sicherheit, aber wenn du arbeitest und Steuern zahlst, passiert dir nichts.

    Ich habe einen Sohn und eine Tochter. Meine Tochter und mein Schwiegersohn wollten mal in der Türkei leben. Ich habe gesagt: ‚Wozu? Seid ihr verrückt?‘ Nach sechs Monaten waren sie wieder hier. Das hat 100.000 Mark gekostet, und sie haben gelernt: Als in Deutschland lebender Türke kannst du in der Türkei nicht klarkommen.

    Zurückzugehen geht nicht, man wandert nur hin und her. Ich habe fast keine Verwandten mehr in der Türkei – meine Eltern sind tot, nur zwei Onkel und eine Tante leben noch dort. Wenn die auch weg sind, habe ich keine Verwandten mehr. Wofür soll ich denn in die Türkei auswandern?“

Fussballanfänge im Evangelischen Jugendheim

Deutsche Sprache, ‘Straßensprache’

Die Organisation des Türkischen SV Düren

Von Düren nach Langerwehe und zurück

Dürener Erfolge beim Atatürk Pokal


Hier finden Sie in Kürze das vollständige Interview im PDF-Format:

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